Jenseits von Kommunikation und Anschauung

Die Pädagogik des Comenius im Spiegel ihrer bildlichen Darstellungen

Die Geschichte hat zwei beliebte Deutungsmuster der comenianischen  Didaktik hervorgebracht: so galt sie vielen Reformpädagogen als Auftakt zu einer Konzeption, die vor allen Dingen auf einen erfahrungsgesättigten Anschauungsunterricht ›vom Kinde aus‹ hinauszulaufen schien; während die neuere Comeniologie sie gerne im Kontext einer kommunikativen Pädagogik verortet, innerhalb derer Lehrer und Schüler sich über den Sinn des guten Lebens und eine gemeinsame, bessere Zukunft beraten und austauschen.

Diese Bilder späterer Interpreten mögen nicht unbedingt völlig falsch sein. Die Bilder, mit denen Comenius selbst seine Auffassung von Lehre und Unterricht beschreibt, scheinen sich mit ihnen allerdings nicht umstandslos zur Deckung bringen zu lassen.

Das Porträt von Jürgen Ovens

Von Comenius sind uns zahlreiche Bilder überliefert. Eines davon ist das berühmte Porträt des Rembrandt-Schülers Jürgen Ovens, der zunächst in den frühen 1640er Jahren und sodann wieder zwischen 1657 und 1663 in Amsterdam wirkte. Er malte dort zahlreiche Repräsentanten des einflussreichen Patriziats – und in diesem Zusammenhange wahrscheinlich auch den mährischen Theologen und Gelehrten, der seinerzeit zu den bedeutendsten Einwohnern der Stadt gehörte. Comenius hatte Amsterdam in seinem Leben wiederholt besucht und hier 1656 seinen letzten Ruhesitz gefunden; er besaß einen Schlüssel für die Stadtbibliothek, um jederzeit ungestört arbeiten zu können, und versah seine Opera Didactica Omnia mit einer feierlichen Widmung an diese Stadt, die er zunehmend als einen möglichen Sitz für das von ihm angedachte collegium lucis betrachtete.

Auf dem relativ kleinen Bild, das im Original gerade einmal 64 x 56 cm misst und heute im Rijksmuseum Amsterdam ausgestellt ist, schaut uns ein bereits älterer, aber noch durchaus rüstiger Mann relativ emotionslos an, ruhig und gelassen, aber auch – im Verhältnis zu vielen anderen Bildern von Ovens – etwas ernst und distanziert mit deutlich abfallenden Mundwinkeln. Die einseitig hochgezogene Augenbraue mag Skepsis und Zweifel signalisieren; vielleicht auch eine gewisse Enttäuschung. Die Kleidungsstücke – ein schwarzes Scheitelkäppchen, ein ebenfalls dunkler Mantel mit weißem Kragen sowie eine Art roter Stola – weisen möglicherweise auf das Amt eines Geistlichen hin, denn Comenius war bereits 1616 zum Priester der Böhmischen Brüder geweiht worden und später auch als einer ihrer Senioren und als Bischof tätig. „Was auch immer ich für die Jugend geschrieben habe, habe ich als Theologe, nicht als Pädagoge geschrieben“, bekennt noch der späte Comenius rückblickend auf ein Lebenswerk. Die öffentliche Persönlichkeit und ihr Amt scheinen hier also im Vordergrund zu stehen; der Didaktiker spielt hier nur eine untergeordnete Rolle.

Das Frontispiz der Opera Didactica Omnia

Dennoch ist Comenius vor allen Dingen durch seine didaktischen Schriften bekannt geworden, in denen er sich denn durchaus auch entsprechend porträtieren ließ. So präsentiert sich Comenius 1657 im Frontispiz zu seinen gesammelten didaktischen Werken (Opera Didactica Omnia) eher als ein Weltgelehrter, wenngleich auch hier die Bezüge zu seinem geistlichen Amte nicht zu übersehen sind. Der Gelehrte schreibt ein Buch, wobei er einige andere Bücher zur Hilfe nimmt, die auf dem Tische platziert sind, andere dagegen möglicherweise verwirft, weshalb sie auf dem Boden herumliegen: schlechte Bücher müssen nämlich um der Wahrheit willen unter Verschluss gehalten oder ganz beseitigt werden, wie Comenius wiederholt betont. Gegenstand des Buches aber ist die Welt, symbolisiert im Globus; und Comenius erhellt diese Welt, indem er auf ihre Eigentlichkeit hinweist, die ansonsten hinter einem Vorhang verborgen zu sein scheint. In der Mitte des Bildes aber steht auch hier die Verkündigung des Wortes Gottes, mit der sich die Tätigkeit des Gelehrten im Zeigen verbindet und identifiziert. Das Buch des Gelehrten über die Welt ist also ein Teil jener Verkündigung, die von der Kanzel herab über die Zuhörer ergeht. Der Gelehrte weiß etwas – und überliefert es; aber dennoch ist es nicht sein Wissen, sondern das göttliche Wissen selbst, auf das er darum verweist.

Die Invitatio des Orbis sensualium pictus

Ein Jahr später geht in Nürnberg der berühmte Orbis sensualium pictus in Druck, der zu Beginn das Lehrer-Schüler-Verhältnis in einer durchaus analogen Weise zeichnet. Lehrer und Schüler stehen, was bezeichnend ist, nicht in einem Klassenraum, sondern inmitten der Welt der Dinge; denn diese ihm zu zeigen und zu benennen verspricht der Lehrer. Doch weist sein Finger gerade nicht auf die anschaulichen Dinge, sondern auf die alles erhellenden Sonnenstrahlen, diese berührend, jedoch nicht ablenkend. Die Sonne (ἥλιος, helios) stand schon bei Platon durch ihre Doppelbedeutung als Gestirn und Gott in einer engen Beziehung zur höchsten Idee des Guten, durch die alles Sichtbare überhaupt erst erkannt wird; der Gesichtssinn aber galt ihm daher als das ›sonnenähnlichste‹ (ἡλιοειδέστατον) aller Wahrnehmungsorgane, weshalb die Strahlen auf die Augen des Knaben zielen, der seinerseits mit dem Finger auf diese – aber zugleich auch auf sein Ohr – weist. Wiederum verkündet also der Lehrer göttliche Wahrheit, eine Wahrheit aber, die dem Knaben eben nicht unmittelbar zugeht, weil dieser nämlich seinen Blick noch nicht recht auszurichten vermag, sondern nur vermittels der zeigenden Lehre ihre Wirkung entfalten kann; während der Schüler durch hörendes Vernehmen einsichtig wird. Die ›Kommunikation‹ verläuft also streng von oben nach unten: Schüler und Lehrer schauen nicht gemeinsam suchend nach der Wahrheit; der Lehrer befindet sich vielmehr im Richtungseinklang mit der erhellenden Sonne, während der Knabe von beiden zugleich seine Einsicht empfängt.

Sowenig hier gemeinsam nach der Wahrheit gesucht wird, sowenig findet hier Anschauungsunterricht statt. Dass der Knabe gerade nicht auf die sinnlichen Dinge selbst schaut, sondern auf deren ideellen Ursprung, zeigt nämlich, dass unter sachlicher Rücksicht der Knabe zuerst durch das Buch zur rechten Erkenntnis angeleitet werden soll, bevor er hernach die Dinge selbst sehen darf; und lediglich unter didaktischer Rücksicht fordert Comenius, dass der Beschreibung und Benennung der Dinge in etwa zeitgleich eine Anschauung hinzugefügt werden solle. Unmittelbar in den drei göttlichen Büchern selbst zu lesen – in der Natur, dem menschlichen Geist und der biblischen Offenbarung – sei nämlich nur etwas für reifere und fortgeschrittene Männer, nichts aber für Kinder, denen man daher vorweg menschliche Bücher als authentische Interpretationshilfe nahebringen müsse: „Denn ohne eine vorausgeschickte kluge Einführung vermag niemand die Bücher Gottes angemessen zu lesen“ – wie Comenius in der Beschreibung seiner pansophischen Reformschule in Sárospatak ausdrücklich vermerkt und auch in den Reden seiner Ungarnzeit verschiedentlich wiederholt. Und so endet der Orbs sensualium pictus denn auch spannender Weise gerade nicht mit der Anweisung, sich nunmehr den Dingen selbst hinzugeben, sondern mit der Aufforderung, fleißig weitere gute Bücher (alios bonos libros) zu lesen.

Die Titelvignette der Opera Didactica Omnia

Blickt man von hier her auf die Opera Didactica Omnia zurück, so erscheint die Titelvignette und der ihr zugehörige Hexameter in einem bestimmten Lichte. Omnia sponte fluant; Absit violentia rebus. – Alles fließe von selbst; Gewalt sei ferne der Dingen. Es ist zurecht darauf hingewiesen worden, dass in dem Emblem etwas Entscheidendes fehle: der Mensch. Auf ihn kann sich darum die ›Freiheit‹ des Fließens nicht beziehen.  Im Gegenteil: Würde er sich im Bild befinden, so brächte er Gewaltsamkeit mit sich – nämlich seine Perspektive, seine Interessen und seine Interpretation, während die Wahrheit für Comenius nur schlechthin eine sein kann. Die Didaktik zielt darum nicht auf die Freiheit des Kindes, sondern auf das ungehinderte Fließen der selbsteinsichtigen Wahrheit, die kraft ihrer Logik dem Lernenden die Zustimmung aufnötigt. Und wo immer der Lehrer die Dinge so darzustellen weiß, wie sie an sich sind, muss sich auch im Schüler notwendig Einsicht zeigen. Deshalb aber fordert insbesondere der späte Comenius, dass jeglicher Widerspruch zu unterbinden und nach Art der alten pythagoreischen Sekte das schweigende Vernehmen der Wahrheit aus dem Munde des Lehrers die einzig angemessene Haltung des Schülers sei.

Comenius hat seine pädagogische Wahrheitskonzeption in der Didactica Magna sowie erneut in seinen Schriften zur Reform der Schule von Sárospatak in eine konkrete Raumtheorie übersetzt. Der Lehrer müsse an der den Fenstern gegenüber liegenden Seite auf einem erhöhten Podest untergebracht werden, so dass er – gut vom Lichte beschienen – von allen Schülern gesehen werde und solcherart „gleichsam wie die Sonne seiner Welt (tanquam Solem sui Orbis)“ alle Kinder gleichmäßig erleuchten könne. Der Lehrer spiegelt also die Wahrheit wider, die von Kindern noch nicht unmittelbar geschaut werden kann und darf – wie denn auch der platonische Gefangene zuallererst durch schmerzhaften Zwang an das Licht gewöhnt werden musste, damit ihm dieses zuletzt unmittelbar selbst einleuchte. Nach kommunikativer Pädagogik klingt das allerdings nicht.

Die wahrheitsorientierte Pädagogik des Comenius

Wo auch immer Comenius darum bemüht ist, das didaktisch bestimmte Lehrer-Schüler-Verhältnis bildlich dazustellen, fasst er dieses weder kommunikativ – etwa im Sinne einer Beratung, durch welche sich Schüler und Lehrer auf die gemeinsame Suche nach der Wahrheit machen würden –, noch legt er einen besonderen Nachdruck auf Anschaulichkeit – als könne aus bloßen Erfahrungen irgendein Sinn gelernt werden. Im Gegenteil: Der gemeinsame Maßstab sowohl für die Kommunikation als auch für die anschauliche Erfahrung ist allein die Wahrheit selbst, wie sie von Gott in die Schöpfung hineingelegt wurde und in den pansophischen Lehrschriften der Menschen authentisch interpretiert wird.

„Solcherart aber würden wir Schulbücher erhalten, die nicht einfach nur – wie man bisher sagte – Schatzkammern (thesauri) der Gelehrsamkeit und Weisheit wären, sondern vielmehr wahre Trichter (infundibula), über deren Rinnen und Rohre die gesamte Weisheit Gottes, wie sie aus seinen drei Büchern hervorströmt, in die Seelen der aufmerksam Lesenden hinüberfließt. Und so wird die Aufgabe der Lehrenden an den Seelen der Lernenden in nichts anderem bestehen, als lediglich in dem Hinüberfließen (transfusio) der Lichtes – aus den lichtvollen Büchern in die lichtvollen Geister (mentes).“ (Pp VI,15 [48/71])

Ergänzende Literatur:
Eykmann, Walter: Comenius über den Umgang mit antiken Klassikern. Ein Textvergleich. In: Petr Zemek u.a. (Hg.): Studien zu Comenius und zur Comeniusrezeption in Deutschland (2008), S. 75-92. – Fritsch, Andreas: Alles fließe von selbst, Gewalt sei ferne den Dingen. In: Korthaase Werner u. a. (Hg.): Comenius und der Weltfriede (2005), S. 118–141. – Hornstein, Herbert: Die Dinge sehen, wie sie aus sich selber sind. Überlegungen zum Orbis pictus des Comenius (1997). – Lischewski, Andreas: Omnia sponte fluant. Johann Amos Comenius über Selbsttätigkeit und Freiwilligkeit (2010).

 

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